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Einleitung

Wir, Pascale, Marius und Marc haben uns in einer Gruppe zusammengefunden um etwas abstraktes, surreales zu erschaffen. Nicht nur eine Geschichte, sondern ein Erlebnis. Ein hohes Ziel, dass man sich im ersten Semester eines dreijährigen Studiums stellt. Doch wir hatten den Willen, den Mut, wohl auch das Talent und garantiert auch genug Wahnsinn um es dennoch – immerhin – zu probieren. Befremdlich, unkonventionell und «hauptsache geil» waren Stichworte die an der ersten gemeinsamen Diskussion gefallen sind. Man musste sich nicht erst finden, keine Kompromisse eingehen… wir wollten es einfach nur noch tun. Jeder von uns hat auf seine eigene Art und Weise etwas schaffen wollen, dass unseren Klassenkameraden, unserem Dozenten und uns selber etwas zurückgibt. Auch wenn es nur ein leicht skeptisches, angewidertes Schütteln war. Hauptsache Emotion! In den nächsten Zeilen, Textblöcken und Anekdoten – textlicher und bildlicher Natur – wird unsere Herangehensweise, unser Weg und unser Ziel genauer beschrieben.

Den Anfang des Projekts empfand ich als überaus spannend. Das finden von Ideen in der Brainstorming-Phase ging aufgrund des offenen Themas und der guten Chemie gut von der Hand. Das schwerste war eigentlich uns auf eine Technik zu einigen die wir verwenden werden.

69420.01 – Ausgangslage

Wir haben es in der Einleitung schon angerissen, was wir tun wollten. Ein schwammiger, fahler Umriss. Angefangen hat alles mit der Aufgabe, an einer Schifffahrt teilzunehmen, sie fotografisch festzuhalten und daraus eine Geschichte zu spinnen, die man am besten schon vorher oder wenigstens währenddessen definiert. Einfach, oder? Wenn man es auf die konventionelle Art und Weise tut, dann ja. Wir wollten grafisch, analog, hands-on arbeiten. Wir wollten Ton, Musik, Bildwelten schaffen. Daraus kam die Idee, die gemachten Fotos bloss als Leinwand für unsere Geschichte zu benutzen. Sie als Experiment aus dem Kontext zu reissen, durch Tippex zu schleifen und der Leinwand unseren ganz persönlichen Stempel aufzudrücken. Unser Experiment teilt sich in vier Teile:

  • Eine lineare Einleitung in Video-Form;
  • Eine Präsentation von drei Namen, drei unterschiedlichen Welten und der Qual der Wahl, sich im Klassengremium für eine zu entscheiden;
  • Der Präsentation eben dieser gewählten Welt;
  • Das Erfragen der Emotionen im Rahmen der Klasse, Feedback sammeln.

Die ersten drei Teile mussten dabei immer aus mindestens einem Element bestehen, dass die Emotionen des Betrachters beeinflussen kann. Bei der linearen Einleitung und der Präsentation der Welten ist dies neben den bildlichen Elementen auch Musik und Ton, die die Gefühlswelt des Betrachters zu beeinflussen versuchen. Im Teil in dem sich die Klasse für eine der Welten entscheiden muss ist es die Tatsache, dass nur ein einziges Wort stellvertretend für die Geschichte steht. Es ist also nicht nur ein rein bildliches Experiment, sondern versucht viele verschiedene Aspekte anzusprechen. Ein Erlebnis für die Augen und die Ohren. Die Aussage wollten wir dabei gar nicht zu spezifisch halten. Was uns an unserem Experiment reizt ist, dass wir Gefühle im Betrachter auslösen wollen und diese dann erfragen. Im besten Falle wird uns, die wir uns so lange damit auseinandergesetzt haben, eine ganz neue Seite aufgezeigt. Eine Gefühlswelt, die wir noch nicht erforscht haben. Was für ein wunderbarer Gedanke.

69420.02 – Prozess

Stage 1, Brainstorming und Projektentwicklung

Am Anfang des Prozesses merkte man, was für ein dezent wahnsinniges Chaoten-Trio wir doch waren. Diskussionen arteten in inspirierte Brainstormings aus, in denen dutzende Ideen besprochen wurden. Zum Glück liess uns unser Projekt die Freiheit jede noch so doofe Idee wenigstens in Betracht zu ziehen.

Wir waren sehr offen für neue Ideen, da merkte man die guten Einflüsse aus dem Unterricht.

Wir versuchten so viele wie möglich, auch die dümmsten Einfälle, in unseren Prozessablauf einzubauen… bis wir schliesslich auf dem Schiff landeten.

Das Schiff
Stage 2, auf dem Schiff – Fotosession

Bevor wir an diesem (leider verregneten) Samstag auf das Schiff gingen haben wir klar definiert was unser Ziel war: So viel Bildmaterial wie möglich sammeln und dann zufrieden ins Mittagessen zu verschwinden. Wir wechselten uns ab. Jemand machte Tonaufnahmen, zwei rauschten mit Spiegelreflex und Handy über das Deck des Schiffes, während stetig versucht wurde die armen Unbeteiligten nicht zu stark zu belästigen. Für unsere Grundflächen, unsere Leinwände, wollten wir Bilder mit klarer Textur, die man abwandeln und in abstrakte Strukturen verwandeln kann. Bilder die so zusammenpassen, dass sie in einer Abfolge aber auch Sinn ergeben.

Wir haben unsere Anwesenheit auf dem Schiff durchgeplant. Jemand mit Fotoapperat, jemand mit Handy und jemand mit einem Aufnahmegerät. Die Arbeit war spassig, das finden von neuen Perspektiven herausfordernd und noch während der Schifffahrt nahm die schlussendliche Idee endlich Form an. Meine grösste Erkenntnis war, dass der Content und demnach die Story first kommt.

Wir haben uns in dieser 2 Stunden Schifffahrt einmal getroffen, um uns nochmals kurz zu synchronisieren und merkten dann schnell, dass jeder genau verstand was zu tun war.

Auf dem Schiff
Stage 3, Bildauswahl

In einem nächsten Schritt mussten die Bilder ausgewählt werden, die als Grundlage für unsere Stories herhalten mussten. Wir wollten in Nahaufnahme anfangen und dann in zwei Schritten weiter hinauszoomen, bis man erkennen konnte, dass wir uns auf einem Schiff befinden. Das war es dann aber auch schon. Die drei Bilder wurden schnell gefunden und vorbereitet, damit es in die nächste Phase gehen konnte.

Die fertige Bildfolge
Stage 4, Kreation der Einleitung

Die Einleitung war der letzte Teil, bis es in das individuelle Schaffen ging. Da es sich hier um eine aneinandergereihte Abfolge von Zeichnungen handelt, die auf demselben Blatt Papier jeweil fortgesetzt wurde musste sich einer von uns «grandiosen Drei» (ha) freiwillig melden, um das ganze mit Tippex (!) und einer Handykamera (!) umzusetzen. Zu Pascales und meinem Glück hat sich Marius freiwillig gemeldet und hat das, wie wir finden, wunderbar gemacht. Immerhin hatte er schon Erfahrung mit Tipex in Kunst. Das, nachdem wir alle drei unsere Künste und die Umsetzung gründlich getestet haben.

Stage 5, die Zügel loslassen

In dieser Phase konnten wir uns von unseren Ketten lösen und unsere eigene Herangehensweise entwickeln, um unsere Welten zu kreieren. Am Besten ist, wenn jeder seine Welt und seine Herangehensweise kurz selbst beschreibt. (Was ich als Chief of DokuText so bestummen habe, jawohl)

Ich am arbeiten
Where The Wild Roses Grow – Pascale

Nach der Bearbeitung mit dem Tipp-Ex habe ich mich bei meiner eigenen Welt für eine komplett andere Technik entschieden. Ich wollte mit anderen Bildelementen arbeiten, da war eine Collage naheliegend. Ich begann mit einem Besuch bei meiner Grossmutter, die unmengen von tollen Büchern und Magazinen hat(te), die ich für meine Collage haben und verschnipseln durfte. Während der Suche kamen Ideen auf, und ich fand das Aufzeigen von Kontrasten spannend. Also grenzte ich meine Suche auf Blumen und Schwarzweiss-Gebäude ein. Wieder zuhause, nahm ich mir einen Nachmittag Zeit und legte die Komposition zusammen und bestimmte den Aufbau der Blumen. Das Gebäude mit den strukturiert quadratischen Flächen zeigt eine moderne Wohnsituation. Nüchtern, neutral, pflegeleicht, beschützend. Wir leben miteinander aber doch anonym. Von aussen gesehen bilden wir eine Einheit und es kann nicht gross etwas über unsere Persönlichkeit vernommen werden. Als Kontrast erscheinen die Blumen in unterschiedlichen Grössen und Farben. Das sind wir, wenn wir das Fenster öffnen und kommunizieren. Man lernt sich kennen. Die graue Fassade nimmt Gestalt an.

side fx – Marius

Ich bin ein programmierter Mensch. So wie wir es alle sind. die erste, längste und wohl auch wichtigste Entwicklungsstufe hatte ich in der Zeit, als ich bei meinen Eltern wohnte und dies noch nicht hinterfragt habe. Geprägt von den Nachwehen der achtundsechziger haben mich meine Eltern links, grün, im schlimmsten Fall autonom erzogen. Ich habe gelernt, die Welt in Farben zu sehen und nicht in Helligkeitsstufen. Ich bin nicht stolz, hier zu sein, ich bin froh. Dennoch habe ich gelernt, die Welt in schwarz und weiss zu unterteilen. Ich meine damit nicht Hautfarben, ich meine damit schwarz und weiss, oben und unten, links und rechts, etc., viel mehr Gedanken vermag ich an dieses Thema nicht zu verschwenden, denn ich bin ein Mensch der Gegenwart. Und je länger eine definition eines Status quo zu erläutern ist, desto schneller ist dieser Status nicht mehr relevant, weil er dann eben in der Vergangenheit ist. Ich wollte nicht abschweifen. Ich habe mich für die Konstruktion, aus der weissen tipp-ex-fläche, für einen schwarzen Stift entschieden. Keine Farben, denn Farben sind kompliziert. Die Idee eines Neuaufbaus in schwarzen Linien geilt mich an. Jedoch merkte ich sehr bald, dass ich weniger gut zeichnen kann als ich anfangs dachte. Ich machte ein Problem zum Mittel zum Zweck. Deshalb wird aus einem Haus auch ein Gesicht, aus dem Himmel ein kotzender Haifisch und der Boden wird mit einer schwarzen Flüssigkeit überschwemmt (das sollte keinesfalls eine Anspielung auf die Überschwemmung von fossilen Energiequellen sein, welche wir zwar scheisse finden, aber nicht wirklich weniger… ach egal, ich schweife ab). Die Spontanität, mit welcher sich meine Konstruktion aus der weissen Tipp-ex-Leinwand entwickelt hat, ist eigentlich genau der subtile Kontrast zur schwarz-weissen Umsetzung. Abschliessend will ich sagen, dass ich nicht weiss ob Haifische kotzen können.

Bloomig – Marc Hatt

Ich bin von der ursprünglichen Herangehensweise nicht stark abgewichen. Die einzige Anpassung war, dass ich Tippex durch Filzstifte ersetzt habe (Die tollen mit Benzin, lange Sessions nicht empfohlen, oder doch? Habs vergessen). An einem verregneten Morgen nach meinen Florida-Ferien (und 5 kläglich gescheiterten Fehlversuchen) habe ich mich hingesetzt und der ohnehin schon tristen Bildwelt mit Schwarz den Todesstoss versetzt. Nur um dann im Verlauf die Welt mit Farben, Blüten und schrillen Punkten wieder zum Leben zu erwecken. Das Zitat am Ende ist dasselbe Zitat, dass wir in unseren ersten Stunde mit Basil im Kollektiv zusammen gedichtet haben. Meine Geschichte steht stellvertretend zum Zitat, dass unser gemeinsames Wirken im Unterricht so gut beschreibt. Unsere anfängliche Begriffsstutzigkeit, unsere Skepsis, die sich von Samstag zu Samstag mehr aufklärte und wir schliesslich zu den Experimentell-Erzählenden wurden die wir jetzt sein dürfen.

Stage 6, Reunion

Am Ende unseres kreativen Prozesses fanden wir uns wieder zusammen um uns die erstellten Welten vorzustellen, zu präsentieren und schliesslich in einen Rahmen zu bringen indem sie präsentierbar sind. Wir trafen uns während den Schulferien in den Räumlichkeiten meines Arbeitgebers cube media um aus den vier (mit Einleitung) Teilstücken ein grosses Ganzes zu machen. Wir haben Musik gehört, Bilder aufbereitet und schliesslich alles zusammengeschnitten, um das Ganze zu einer Präsentation zusammen zu stellen. Alles kam so, wie wir wollten und doch waren wir froh, haben wir einen Gang zurück geschaltet, was die Grösse und Länge des Filmes angeht. Am Ende des Tages waren wir alle zufrieden mit dem Resultat.

Gruppenfoto ohne mich :(

69420.03 – Erkenntnisse

Wir haben die grosse Freiheit sehr genossen, die dieses Projekt mit sich brachte. Aus der anfänglichen Frage «was ist experimentelles Erzählen?» wurde ein schlichtes, mit Nachdruck gesprochenes «Erzähl.» Wir waren alle Drei erstaunt, als wir unsere Werke gegenseitig sahen. Wie anders man, mit denselben Ideen, einen Gedanken weiterspinnen konnte. Man könnte fast sagen, unsere Art zu arbeiten war für uns unsere ganz eigene Geschichte, unser ganz eigenes kleines Experiment, dass wir zu einem hoffentlich bekömmlichen Gesamtwerk zusammenstellen konnten. Wir haben uns nichts vorgenommen was wir nicht umsetzen konnten. Wir haben höchstens die Massstäbe neu definiert. Dabei kann man sagen, dass der Grad der Abstraktion in unseren Werken aufzeigt, dass wir alle mit einer ähnlichen Idee an die Sache heran gingen und alle Ideen, auch vielleicht die dümmsten behalten haben. Denn für uns hatten auch sie einen Platz in diesem Projekt.